06.08.10 | PM 02-2010: Richard Gutjahr beim Medienforum Mittweida 2010 über Marken-Monopolisierung
Auf dem Weg zur Marktherrschaft
Richard Gutjahr, vielseitiger und experimentierfreudiger Journalist, nimmt Monopolunternehmen genau unter die Lupe. Foto: Sessner\BR
Mitarbeiter der Chefredaktion des Bayerischen Fernsehens, Reporter für die ARD, Blogger und Moderator der Spätausgabe der RB-Rundschau: Der vielseitige Journalist und weltweit erste iPad-Besitzer Richard Gutjahr spricht auf dem Medienforum über "Monopolisierung um jeden Preis – Apple, Google, Facebook und Co. auf dem Weg zur Marktherrschaft" Vorab gibt er im Interview erste Einblicke in die Thematik.

Immer besser, origineller und vor allem schneller als die Konkurrenz – das sind Bedingungen, die es zu erfüllen gilt, wenn ein Unternehmen die Beherrschung eines Marktes anstrebt. Geschickte Vermarktung und immer neue Entwicklungen tragen zum stetig wachsenden Erfolg bei. So erscheinen Marktanteile wie 85 Prozent der Google Inc. im Bereich Suchmaschinen oder 92 Prozent von Microsoft im Bereich der PC-Betriebssysteme für Konkurrenten unbezwingbar. Doch welche Mittel und Methoden nutzen so erfolgreiche Unternehmen wie Google, Microsoft, Apple oder Facebook? Wie beeinflussen sie die Konsumenten auf diesen Wegen? Und welche Gefahren resultieren aus solchen Monopolstellungen für die Kunden?

Richard Gutjahr ist Absolvent der Deutschen Journalistenschule in München und studierte an der Ludwig-Maximilians-Universität Politik und Kommunikationswissenschaft. Seine Praktika führten ihn unter anderem nach Frankreich und in die USA, wo er für Zeitungen schrieb und für CNN berichtete. Für seine Reportage-Reihe zu den Hartz-Reformen wurde er mit dem Ernst-Schneider-Preis für herausragenden Wirtschaftsjournalismus ausgezeichnet. Internationale Medienaufmerksamkeit erlangte der multimediale Journalist, als er Anfang April dieses Jahres online live vom Verkaufsstart des iPads in New York berichtete und überraschend der weltweit erste iPad-Besitzer wurde.

Im Laufe seiner Karriere sammelte Gutjahr ganz eigene Erfahrungen mit Monopolunternehmen. Neben seinen hauptberuflichen Tätigkeiten betreibt er ein privates Weblog. Dort bekundete er kürzlich in einem Beitrag über den neuen "E-Postbrief" seinen Umnut über die "Arroganz eines Monopolisten", mit der Presseanfragen von der Deutschen Post behandelt werden. In einem anderen Beitrag zum Thema "Google AdSense" stellt er die viel diskutierte Frage: "Wo fängt Zensur an?"

Diese persönlichen Erfahrungen nahm Jan Holubek vom Medienforum Mittweida 2010 zum Anlass, um Richard Gutjahr in einem ersten Interview unter anderem zu Chancen und Gefahren einer Monopolstellung zu befragen:

Holubek: Herr Gutjahr, wie wir auf Ihrem Blog lesen, hatten Sie binnen kurzer Zeit gleich mit zwei großen Monopolisten direkten Kontakt. In Ihrem Beitrag "Google: Sie haben drei Werktage Zeit, gutjahr.biz zu ändern" berichten Sie über ein Thema, das immer wieder hitzig diskutiert wird: die Zensur unliebsamer Inhalte im Internet durch Google. Abgesehen davon, dass in Ihrem Fall vermutlich ein automatisierter Suchalgorithmus überempfindlich reagiert hat: Welche Gefahren allgemein kann die Monopolstellung eines Unternehmens für die Kunden mit sich bringen?

Gutjahr: Die Gefahr der Einflussnahme durch Werbung ist so alt wie die Medien selbst. Was Internet-Firmen wie Google angeht, so sehe ich darin keine Zensur, sehr wohl aber eine neue Form von Einflussnahme, wie sie beispielsweise Firmen wie Procter & Gamble mit ihren Soaps und Gameshows auf die Programmgestaltung der US-Networks in der frühen Fernsehgeschichte hatte. Dass Google mir neulich Begriffe wie "Porn" in meinem Blog verbieten wollte, hat aber glaube ich weniger mit Zensur, sondern mit der für uns manchmal unverständlichen Prüderie der US-Amerikaner zu tun.

In einem weiteren Beitrag "Der E-Postbrief – Die Gelbe Gefahr?" berichten Sie unter anderem über die Arroganz, mit der die Pressestelle der Deutschen Post auf Ihre Anfragen reagierte. Was glauben Sie: Können sich (natürliche) Monopolisten solche qualitativen Rückstände- und -gänge in "Nebenbereichen", wie zum Beispiel dem Kundenservice, erlauben oder gefährden sie dadurch ihre Marktposition?

Noch können sie es, sonst würden sie es nicht tun. Allerdings experimentiert nicht zuletzt auch die Deutsche Post AG bereits mit Social Media Marketing. Zum E-Postbrief beispielsweise hat die Post unter anderem auch einen Twitter-Account eingerichtet. Sowas nützt aber nichts, solang die Kommunikation nicht auf Augenhöhe betrieben wird. Damit meine ich weniger die anbiedernde Sprache, sondern die Inhalte. Wenn die Kunden das Gefühl haben, Sie werden verschaukelt oder gar benutzt, sind sie weg.

Zum dritten eine Frage zu einem Ihrer Lieblingsthemen: Sie sind Mitautor der Plattform appstory.tv, werden immer wieder gern als "Apple Fanboy" bezeichnet und waren der weltweite erste Besitzer des neuen iPads. Dass Apple das iPhone in den meisten Ländern nur über einen einzigen Vertragspartner anbietet, erleichtert zwar die Kontrolle des Marktes, schreckt aber sicher auch zahlreiche Interessenten ab und bremst somit das Wachstum. Welche weiteren Vor- und Nachteile sehen Sie in dieser Monopol-Vertriebsform? Wie bewerten Sie immer wieder auftauchende Gerüchte, wonach Apple mit dieser Taktik brechen und mit anderen Netzbetreibern verhandeln will?


Unternehmer aus der Old-Economy gelten nicht besonders häufig als Abenteurer. Sie verwalten lieber ihre alten (oft erfolgreichen) Geschäftsmodelle, als in neue riskante Ideen zu investieren. Doch gerade in Zeiten des Umbruchs ist es wichtig, Mut und Unternehmergeist im ursprünglichen Sinne zu beweisen. Apple, Microsoft und Google haben das getan. Eine (vorübergehende) Monopolstellung kann dabei helfen, einen notwendigen Wandel schneller zu vollziehen. Apple beispielsweise brachte durch seine Monopolstellung mit iPod und iTunes die Musikindustrie dazu, sich endlich auf einen gemeinsamen Preis- und Download-Standard zu einigen. Auch die Markteinführung des iPhones wäre ohne einen Exklusiv-Partner wie AT&T so nicht möglich gewesen. Die Kunst ist es, den richtigen Moment zu erkennen für den nächsten Schritt. Apple hat es in den Jahren wie kaum ein anderes Unternehmen verstanden, sich zum richtigen Zeitpunkt immer wieder neu zu erfinden.

Abschließend zwei kurze Fragen in eigener Sache: Warum folgen Sie der Einladung zum Medienforum Mittweida 2010, mit welchen Erwartungen besuchen Sie unseren Kongress? Hatten Sie zuvor schon einmal vom Medienforum Mittweida gehört?

Vom Medienforum Mittweida hatte ich schon gehört, wusste aber nicht viel mehr darüber, als dass es dieses Forum gibt. Als ich die Einladung bekam, habe ich mir die äußerst professionelle Webseite angesehen. Auch das Lineup der bisherigen Referenten und Panel-Teilnehmer hat mich schwer beeindruckt. Dass ich nun selbst als Referent eingeladen wurde, freut mich natürlich sehr, beunruhigt mich aber auch ein wenig. Ich hoffe, dass ich mit meinem Besuch den hohen Standard des Forums erfülle und zumindest einen kleinen Beitrag zum Gelingen der diesjährigen Veranstaltung leisten kann. Daneben freue ich mich natürlich auch immer, neue Leute und Gleichgesinnte kennenzulernen.

Vielen Dank für das Interview.
Datum: 06.08.10 08:00 Uhr | Autor: Jan Holubek
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Medienforum Mittweida vom 11.-13. Oktober 2010 auf dem Campus der HS Mittweida, Schirmherrin: Nina Ruge
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