12.08.10 | Barbara Dickmann spricht über den Skandal um die gefälschten Hitler-Tagebücher
Ein Lehrstück des Journalismus
Prof. Peter Gottschalk mit Barbara Dickmann im Gespräch über den Skandal der gefälschten Hitler-Tagebücher von 1983. Fotos: ARTE, ML Mona Lisa, Haus der Geschichte Bonn
Der Reinfall des "stern" auf die gefälschten Hitler-Tagebücher hat auch 27 Jahren danach nicht an Brisanz und Aktualität verloren, insbesondere für Nachwuchsjournalisten. Beim Medienforum Mittweida berichtet Barbara Dickmann, damalige Leiterin des mit der Materialauswertung beauftragten Bonner "stern"-Büros, im Gespräch mit Prof. Peter Gottschalk über Verlauf und Ursachen des Desasters.
Als Barbara Dickmann 1983 als erste Frau die Leitung des "stern"-Büros in Bonn antrat, ahnte sie noch nicht, dass sie dort einer der größten Skandale der deutschen Pressegeschichte erwartete. Am 25. April des selben Jahres präsentierte die Chefredaktion des Magazins auf einer internationalen Pressekonferenz in Hamburg die vermeintlichen Tagebücher Adolf Hitlers. "Die Geschichte des Dritten Reiches wird in großen Teilen neu geschrieben werden müssen", hieß es im Vorspann zur ersten Titelstory. Reporter Gerd Heidemann, der als ausgezeichneter Rechercheur galt und den Spitznamen "Spürhund" trug, hatte die Dokumente über Kontakte vom Stuttgarter Künstler und Militaria-Händler Konrad Kujau angeboten bekommen. Die 62 Notizbücher, sogenannte Kladden, für insgesamt rund 9,3 Millionen DM (ca. 4,7 Millionen Euro) erwarb er im Auftrag der Verlagsleitung.
Die Chefredaktion wusste lange Zeit nichts vom Projekt "Grünes Gewölbe", in das nur die Verlagsleitung und Mitarbeiter des Ressorts "Zeitgeschichte" eingeweiht waren, um die Recherchen vor der Konkurrenz geheim zu halten. Barbara Dickmann gehörte zum engen Kreis jener elf Menschen, die überhaupt von der Existenz der vermeintlichen Hitler-Tagebücher erfuhren. Im Auftrag der Verlagsleitung produzierte sie damals eine Filmdokumentation über den Fund der Tagebücher. Ihre Bedingung war allerdings, die Dokumentation so zu gestalten, wie sie selbst diese verantworten konnte – aus Zweifel an der Authentizität.
Am 28. April 1983 begann die Veröffentlichung der Manuskripte als Serie. Nur acht Tage später dann die Katastrophenmeldung: Gutachten des Bundesarchivs, des Bundeskriminalamts und des Bundesamtes für Materialprüfung hatten ergeben, dass es sich bei den vermeintlichen Tagebüchern um "grotesk oberflächliche Fälschungen" handelte. Teile der zum Verfassen der Tagebücher verwendeten Materialen waren vor 1955 noch gar nicht auf dem Markt, linguistische Analysen zweifelten am Sprachduktus und ganze Passagen waren aus einer längst veröffentlichten Sammlung von Hitler-Reden abgeschrieben. Die Glaubwürdigkeit des Magazins und die verkauften Auflagen sanken in den nächsten Monaten drastisch, Kujau und Heidemann wurden vor Gericht wegen Betrugs verurteilt.
"Es ist ein brisanter Stoff und ein Lehrstück des Journalismus", erklärt Professor Peter Gottschalk die nachhaltige Aktualität des Skandals. Der Programmverantwortliche in der Redaktion Dokumentationen/Dokumentarfilme des Fernsehkanals ARTE spricht am 11. Oktober im Rahmen des Medienforum Mittweida mit Barbara Dickmann über den Fall. "Ich kenne und schätze sie als Kollegin schon lange. Sie ist eine faszinierende Persönlichkeit und eine wichtige Journalistin", so Gottschalk. Im Gespräch sollen die Abläufe zwischen Redakteuren, Tagebuch-Zulieferer, Chefredaktion und Konzernspitze dargelegt werden. Dickmann wird über die zahlreichen Hinweise, Zweifel und Ungereimtheiten während ihrer Arbeit berichten. Außerdem sollen die Ursachen dafür beleuchtet werden, warum die Tagebücher trotz Zweifel und offensichtlicher Widersprüche veröffentlicht wurden. "Wir werden uns von der großen moralisch-ethischen Ebene des Qualitätsjournalismus auf die 'Scheckbuch-Ebene' begeben müssen. Die Gründe waren ein Sammelsurium aus Sensationslust, Geldgier und Eitelkeiten. Denn Journalismus bleibt, wenn viel Geld im Spiel ist, immer auf der Strecke", kündigt Gottschalk eine spannende Diskussion an.
Weiterführende Links:
"Gier nach dem großen Geld" – Interview des Stern mit Michael Seufert vom 16. März 2008
"So war das mit den Hitler-Tagebüchern" – Revue des Medienskandals bei "WELT ONLINE" vom 22. April 2008
"Die Hitler-Tagebücher – Chronik eines absehbaren Skandals" mit Ausschnitten aus "Tagesschau" und "Tagesthemen" beim NDR
"Der große Coup des Konrad Kujau" – Hintergrundbericht im Deutschlandfunk vom 25. April 2008
Als Barbara Dickmann 1983 als erste Frau die Leitung des "stern"-Büros in Bonn antrat, ahnte sie noch nicht, dass sie dort einer der größten Skandale der deutschen Pressegeschichte erwartete. Am 25. April des selben Jahres präsentierte die Chefredaktion des Magazins auf einer internationalen Pressekonferenz in Hamburg die vermeintlichen Tagebücher Adolf Hitlers. "Die Geschichte des Dritten Reiches wird in großen Teilen neu geschrieben werden müssen", hieß es im Vorspann zur ersten Titelstory. Reporter Gerd Heidemann, der als ausgezeichneter Rechercheur galt und den Spitznamen "Spürhund" trug, hatte die Dokumente über Kontakte vom Stuttgarter Künstler und Militaria-Händler Konrad Kujau angeboten bekommen. Die 62 Notizbücher, sogenannte Kladden, für insgesamt rund 9,3 Millionen DM (ca. 4,7 Millionen Euro) erwarb er im Auftrag der Verlagsleitung.
Die Chefredaktion wusste lange Zeit nichts vom Projekt "Grünes Gewölbe", in das nur die Verlagsleitung und Mitarbeiter des Ressorts "Zeitgeschichte" eingeweiht waren, um die Recherchen vor der Konkurrenz geheim zu halten. Barbara Dickmann gehörte zum engen Kreis jener elf Menschen, die überhaupt von der Existenz der vermeintlichen Hitler-Tagebücher erfuhren. Im Auftrag der Verlagsleitung produzierte sie damals eine Filmdokumentation über den Fund der Tagebücher. Ihre Bedingung war allerdings, die Dokumentation so zu gestalten, wie sie selbst diese verantworten konnte – aus Zweifel an der Authentizität.
Am 28. April 1983 begann die Veröffentlichung der Manuskripte als Serie. Nur acht Tage später dann die Katastrophenmeldung: Gutachten des Bundesarchivs, des Bundeskriminalamts und des Bundesamtes für Materialprüfung hatten ergeben, dass es sich bei den vermeintlichen Tagebüchern um "grotesk oberflächliche Fälschungen" handelte. Teile der zum Verfassen der Tagebücher verwendeten Materialen waren vor 1955 noch gar nicht auf dem Markt, linguistische Analysen zweifelten am Sprachduktus und ganze Passagen waren aus einer längst veröffentlichten Sammlung von Hitler-Reden abgeschrieben. Die Glaubwürdigkeit des Magazins und die verkauften Auflagen sanken in den nächsten Monaten drastisch, Kujau und Heidemann wurden vor Gericht wegen Betrugs verurteilt.
"Es ist ein brisanter Stoff und ein Lehrstück des Journalismus", erklärt Professor Peter Gottschalk die nachhaltige Aktualität des Skandals. Der Programmverantwortliche in der Redaktion Dokumentationen/Dokumentarfilme des Fernsehkanals ARTE spricht am 11. Oktober im Rahmen des Medienforum Mittweida mit Barbara Dickmann über den Fall. "Ich kenne und schätze sie als Kollegin schon lange. Sie ist eine faszinierende Persönlichkeit und eine wichtige Journalistin", so Gottschalk. Im Gespräch sollen die Abläufe zwischen Redakteuren, Tagebuch-Zulieferer, Chefredaktion und Konzernspitze dargelegt werden. Dickmann wird über die zahlreichen Hinweise, Zweifel und Ungereimtheiten während ihrer Arbeit berichten. Außerdem sollen die Ursachen dafür beleuchtet werden, warum die Tagebücher trotz Zweifel und offensichtlicher Widersprüche veröffentlicht wurden. "Wir werden uns von der großen moralisch-ethischen Ebene des Qualitätsjournalismus auf die 'Scheckbuch-Ebene' begeben müssen. Die Gründe waren ein Sammelsurium aus Sensationslust, Geldgier und Eitelkeiten. Denn Journalismus bleibt, wenn viel Geld im Spiel ist, immer auf der Strecke", kündigt Gottschalk eine spannende Diskussion an.
Weiterführende Links:
"Gier nach dem großen Geld" – Interview des Stern mit Michael Seufert vom 16. März 2008
"So war das mit den Hitler-Tagebüchern" – Revue des Medienskandals bei "WELT ONLINE" vom 22. April 2008
"Die Hitler-Tagebücher – Chronik eines absehbaren Skandals" mit Ausschnitten aus "Tagesschau" und "Tagesthemen" beim NDR
"Der große Coup des Konrad Kujau" – Hintergrundbericht im Deutschlandfunk vom 25. April 2008
Günter
BartschGeschäftsführer Netzwerk Recherche
Marko
DörreAnwalt
Norbert
GastellSynchronsprecher, u.a. "Homer Simpson"
Benedikt
DyrlichChefredakteur "Serbske Nowiny"
Dr. Hendrik
SpeckProfessor für "Digital Media" University of Applied Sciences Kaiserslautern
Tino
BarthGeschäftsführer PiXABLE STUDIOS
Nicolas Alexander
BöllPressesprecher Interessenverband Synchronschauspieler (IVS)
Dr. Johannes
BeermannStaatsminister und Chef der Staatskanzlei im Freistaat Sachsen



