13.09.10 | Interview mit Barbara Dickmann
Jeder Zweifel ausgeräumt
Barbara Dickmann spricht auf dem Medienforum Mittweida über ihre Rolle im Skandal um die gefälschten Hitler-Tagebücher. Fotos: ML Mona Lisa, Haus der Geschichte Bonn, Bearbeitung: Medienforum Mittweida
Die Journalistin und ehemalige Tagesschau-Moderatorin Barbara Dickmann spricht am 11. Oktober um 11 Uhr auf dem 14. Medienforum Mittweida über den Skandal um die gefälschten Hitler-Tagebücher. In einem Vorab-Interview erklärt die damalige Leiterin des Bonner "stern"-Büros ihre Rolle in dem Skandal und berichtet, wie ihre anfänglichen Zweifel ignoriert und beruhigt wurden.

Die seit 1980 eingesetzten Chefredakteure Peter Koch, Rolf Gillhausen und Felix Schmidt erfuhren erst am 13. Mai 1981 von den Tagebüchern – drei Monate nach dem Kauf der ersten Manuskripte. Wie erklären Sie sich, dass Sie nach nicht einmal acht Wochen beim "stern" in den engen Kreis der "Eingeweihten" aufgenommen wurden?

Dafür wurde mir von Peter Koch und dem Vorstandvorsitzenden von "Gruner + Jahr", Gert Schulte-Hillen, Anfang 1983 bei einer eilig einberufenen Geheimkonferenz im Privathaus des Chefredakteurs des "stern" folgende Erklärung abgegeben:

Man habe die verschollenen Tagebücher Adolf Hitlers aufgespürt und plane sie im Mai im "stern" zu veröffentlichen. Dazu war eine Fernsehdokumentation geplant, die am Erscheinungsdatum im ZDF laufen sollte. Der Titel: "Der Fund". Da ich zu diesem Zeitpunkt bereits den Arbeitsvertrag beim "stern" als Büroleiterin des Büro Bonn unterschrieben hatte, war ich so zusagen Mitglied der "stern"-Redaktion. Als erfahrene und damals sehr populäre deutsche Fernsehjournalistin übertrug man mir die Aufgabe, diese Dokumentation in weniger als acht Wochen zu drehen. Natürlich wurde ich zu strengstem Stillschweigen über dieses Projekt verpflichtet. Im Februar 1983 waren nur elf Führungskräfte von "Gruner + Jahr" überhaupt in das Projekt "HT" eingeweiht. In einem ungeheuren Kraftakt gelang es mir damals, diese Dokumentation bis zum 3. Mai fertig zu stellen.

Sie sagten in der Sendung "alpha-Forum" des Bayrischen Rundfunks vom 23. Mai 2008, dass es Ihre Bedingung war, diese Dokumentation so machen zu dürfen, wie Sie sie verantworten konnten, da Sie Zweifel an der Sache hatten. Wie sah diese Umsetzung unter Vorbehalt aus?


Vorstand und Chefredaktion stellten mir die Frage, ob ich an diesen "Fund" glaube. Ich äußerte meine Bedenken und stellte für die Arbeit an der Dokumentation die Bedingung, dass ich Inhalt und Form so gestalten darf, dass meine persönliche Distanz deutlich wird und ich meine Arbeit öffentlich verantworten kann. Ich bestand darauf, dass kritische Fragen dazu sowohl an die Chefredaktion, als auch an den Chefreporter Gerd Heidemann Bestandteil der Dokumentation waren. Im Text benutze ich die Form des Konjunktivs. Da ich aber an der Seriosität eines so renommierten Verlagshauses eigentlich keine Zweifel hatte, musste ich davon ausgehen, dass die leitenden Herren wussten wovon sie sprachen.

Verringerten sich Ihre Bedenken während der Arbeit an der Dokumentation oder wie gingen Sie damit um?

Meine anfänglichen Zweifel am Fund der Hitler-Tagebücher wurden im Laufe der Dreharbeiten mit Gerd Heidemann verstärkt. Er begleitete mich bei den Filmaufnahmen, so dass ich intensivere Gespräche mit ihm führen konnte. Das Ergebnis führte dazu, dass ich zweimal während der Produktion kurz entschlossen zurück nach Hamburg geflogen bin, um weitere Bedenken mit der Chefredaktion zu besprechen. Meine Zweifel wurden aber immer wieder von Peter Koch damals für mich befriedigend ausgeräumt. Heute weiß ich, dass auch Peter Koch versucht hat, mich mit falschen Aussagen zu beruhigen.

Welche beruflichen und persönlichen Folgen hatte der Skandal für Sie?

Die Folgen des Flops waren für mich persönlich gravierend. Durch meine Dokumentation, die am Erscheinungstag im ZDF lief, wurde ich in Sippenhaft von den Kollegen im "stern", aber auch von den Journalisten der weiteren Presse mit verantwortlich gemacht. Unabhängig davon, dass ich mir - durch meine Distanz als Autorin der Fernsehproduktion - nichts vorzuwerfen hatte.

Abschließend zwei kurze Fragen in eigener Sache: Warum folgen Sie der Einladung zum Medienforum Mittweida 2010, mit welchen Erwartungen besuchen Sie unseren Kongress? Haben Sie zuvor schon einmal vom Medienforum Mittweida gehört?

Ich folge gerne der Einladung zum Medienforum Mittweida. Für konstruktive Gespräche mit gut vorbereiteten Moderatoren habe ich immer Zeit. Alles, was im besten Sinne mit journalistischer Aufklärung und journalistischer Verantwortung zu tun hat, gehört zu meinen Maximen. Ich erwarte gute Gespräche und weiteren Kontakt mit Studentinnen und Studenten dieser ausgezeichneten Hochschule. Es ist das erste Mal, dass ich am Medienforum Mittweida teilnehmen darf. Ich freue mich sehr darauf.

Vielen Dank für das Interview.
Datum: 13.09.10 08:00 Uhr | Autor: Jan Holubek
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Medienforum Mittweida vom 11.-13. Oktober 2010 auf dem Campus der HS Mittweida, Schirmherrin: Nina Ruge
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